Beratung, Lebensberatung, Kartenlegen | Rubrik: »Geschichten«

Speck

Es war ein Raum – nicht groß und nicht klein, aber karg. Es gab nichts in ihm, nur ein Stück Speck, das an einer langen Schnur von der Decke hing.

Angezogen vom Duft des Specks, fand eine kleine Maus eine Ritze in der Wand, und somit Zugang zum Speck. Die Maus freute sich, als sie das dicke Stück Speck von der Decke baumeln sah. Sie setzte zum Sprung an, doch verfehlte den Speck um wenige Millimeter. “Das macht nichts”, sagte sich die Maus. “Es ist ja nur ein kleines Stück, das mir fehlt. Beim nächsten Versuch werde ich es schaffen.”

Erneut nahm sie Anlauf —doch auch diesmal fehlte sie. Die folgenden Tage und Wochen verbrachte sie mit unzähligen Anläufen, ohne dem Speck auch nur einen Bissen abzuringen. Immer wieder sank sie erschöpft zu Boden. Sie hatte lange nichts mehr gegessen und die Anstrengungen hatten sie völlig entkräftet.

Ab und an nickte sie für ein paar Minuten ein. Dann träumte sie von ihrem Leben vor dem Speck. Ein unbeschwertes Mäuseleben hatte sie geführt, gemeinsam mit den anderen Mäusen, draußen auf dem Feld. Getreide und Korn gab es dort in Hülle und Fülle.

Ein kleiner Luftzug schlich sich in den Raum und ließ den Speck noch köstlicher riechen, als die Tage zuvor. Die Maus wachte auf und schnupperte.

Jederzeit hätte sie den Raum wieder verlassen können. Doch wie kann man Korn und Getreide fressen, wenn man den Duft von Speck gerochen hat.

So kämpfte die Maus ihren stillen Kampf mit dem Speck. Inzwischen war sie gar nicht mehr in der Lage aufzustehen und der Schinken kreiste direkt über ihr. Ihr war längst klar, daß sie von ihm nie mehr bekommen würde als seinen verführerischen Duft.

Plötzlich .. riß die Schnur, der Speck fiel .. direkt auf die Maus. Mit der Maus war’s aus. Endlich hatte der Speck die Maus von ihrem Hunger befreit.

2008-03-09 / Rubrik: Geschichten / am


Die Frau und der Besen

Es lebte eine Frau und ihr Besen in einem Haus. Eines Tages sprach die Frau zu dem Besen: Alles was nicht g’rad ist, das ist Mist.

Der Besen fegte, was er nur konnte, zunächst nur den Staub und die Krümmel vom Boden, dann die ungraden Dinge vor die Tür: den Tisch, den Stuhl, den Schrank, das Sofa, das Bett. Er fegte alles vor die Tür, bis er selbst krumm war.

Die Frau stellte ihn zu den anderen Sachen, vor die Tür. Sie selbst zog in eine weiße Schachtel, in der es nichts gab. Nur gerade Wände.

Eines Tages kam der Tod. Weil der Stiel seiner Sense gerade war und sein Gang aufrecht, vielleicht auch weil er so gut roch, ging sie mit ihm.

2007-05-16 / Rubrik: Geschichten / am


Floh auf dem Markt

Der Floh wollte einkaufen gehen, auf dem Markt. Er brauchte: eine Apfelsine, einen Apfel, eine Banane und einen Kuchen, für den Sonntag Nachmittag. Auf dem Marktplatz sah der Floh ein großes Schild:

FLOHMARKT.

Er freute sich.

Auf den Ständen lagen lauter Flöhe. Und eh er sich versah, da lag er mitten drin. Ein Kuchen kam vorbei; kaufte ihn als Sonntagsbraten.

2007-06-02 / Rubrik: Geschichten / am


Tüte

Es war eine Tüte, ihr war nach versagen. Ein Loch teilte ihr den Boden. So war sie geworfen - auf den Müll.

Es war eine Tüte, sie war viel zu klein. Sie wollte keiner haben, es paßte ja nichts rein.

Es war eine Tüte, sie war viel zu groß. So eine wie sie braucht’s nur selten; auch nur für ’nen extra dicken Stoß. Also blieb sie liegen, bloß.

Es war eine Tüte, sie wollte ohne zu fragen, gern ihr Schicksal ertragen. Sie wollte nur eins - jeden Tag tragen.

Sie war nicht zu groß, sie war nicht zu klein. So sollte jede Tüte sein.

2007-04-13 / Rubrik: Geschichten / am


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